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Bücherwürmle

Posted on 16.3.2021

Ich möchte gerne mit einem Zitat aus dem Buch beginnen, das ich besonders schön fand: „Vielleicht sind Wohnungen und Häuser so wie Menschen. Von außen glaubt man, es sei alles in Ordnung, und in den warmen Wohnzimmern ließe sich gut leben, aber in Wirklichkeit stimmt das überhaupt nicht.“ . . . Die Geschichte handelt von zwei Menschen, die sich so ganz anders kennenlernen, als man das normalerweise so tut: per Fenster (nein, das ist nicht der Name einer neuartigen App😆). Der Anblick eines Zimmers und dessen Bewohner darin kann einem sehr tiefe Einblicke gewähren. So merkt auch Zara, dass der Nachbarsjunge vom Fenster gegenüber offensichtlich wahnsinnig unglücklich ist. So unangenehm es ihr ist, etwas derart intimes mitzuerleben, so gerne will sie ihm helfen. Und so schreibt sie eine kurze Nachricht auf einen Zettel, den sie ans Fenster klebt. Sam und Zara lernen sich über Distanz kennen und werden doch so eng miteinander. Während Zara in der Schule erste Erfahrungen in Sachen Liebe zu sammeln versucht, hat Sam ganz andere Sorgen. Seine beginnende Pubertät stellt ihn vor immer mehr Probleme, unter denen er zunehmend leidet. (Im folgenden Text wird genannt, was es mit Sams Gefühlen auf sich hat. Es mag aus dem Klappentext ersichtlich sein, ich möchte aber auch niemanden spoilern, dem es noch nicht bewusst ist. Für die Rezension ist es allerdings notwendig. Deshalb hier die Warnung). Es ist mein zweites Buch zum Thema trans Identität und ich als cis Person habe gewiss noch so einiges zu lernen. Was mich sehr überrascht hat, war der Umgang mit dem Thema im Buch. Tatsächlich war Sams Gefühlswelt, seine Dysphorie und zunehmender Leidensdruck viel thematisiert, aber der Grund wurde - obwohl er ja schon im Klappentext recht klar ist - erst spät beim Namen genannt. Die Geschichte wird mit so viel Herzenswärme erzählt, tiefgründig trotz (oder gerade wegen) der jungen Protagonist*innen. Sams trans Identität wird nicht als reine Bürde dargestellt, obwohl der Klappentext das vermuten lassen könnte. Es finden sich auch viele tolle Momente (trans joy 💪🏻), die mit Sicherheit auch Zara zu verdanken sind, denn sie sieht Sam so wie er einfach ist. Von so viel Selbstverständlichkeit, Überlegtheit und der gewissen lockeren Art könnte sich so manch eine Person eine dicke Scheibe abschneiden. Genauso ist auch die Erzählweise. Es gibt keinen Grund für deadnaming oder misgendering. Sam ist einfach Sam. Man muss nicht auf das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht hinweisen, um trans Identität verständlich zu machen. Das Ergebnis ist eine herzensgute Geschichte, die mal Mitgefühl und mal Schmunzeln auslöst, zum Denken anregt, Erkenntnis spendet. Von schlichter Gänsehaut zum wohlig warmen Schauer. Herzliches Lachen ist genauso vertreten wie offene Münder und das eine oder andere Tränchen...

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