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Hätte J. D. Vance’s Großmutter ihm nicht in den letzten drei Schuljahren gehörig den Marsch geblasen (streng dich gefälligst an, fürs Herumlungern habe ich nicht deinen teuren Taschenrechner finanziert), hätte sein Leben einen ebenso deprimierenden Verlauf genommen wie das seines Altersjahrgangs. Die Großmutter trug die gesamte Last einer dysfunktionalen Familie, indem sie den Jungen nach diversen Beziehungsexperimenten ihrer Tochter immer wieder bei sich aufnahm. Seine Familie hatte ihre Wurzeln ursprünglich in den Appalachen. Auf Arbeitssuche landete sie im „Rust Belt“ und wurde vom Niedergang der Stahlindustrie mitgerissen. Vance’s Mutter hatte eine Vielzahl von Beziehungen; der Überblick über die Stiefgeschwister des Autors ist nicht leicht zu behalten. Kinder wie er haben selten Erfolg, weil ihnen Vorbilder fehlen und sie mit der Einstellung aufwachsen, eigenes Verhalten habe keinerlei Einfluss auf ihren Lebenslauf, der allein von einer fernen Politiker-Kaste bestimmt würde. Trotz stabiler Identität und unangreifbarem Zusammenhalt als Stütze vererbe das weiße Proletariat der Bergarbeiter und Stahlkocher jedoch eine tief verwurzelte negative Einstellung weiter, die ihren sozialen Aufstieg verhindere, berichtet Vance. Aus seiner Beobachtung von Kollegen in diversen Jobs schließt Vance, dass unter republikanischer Regierung eine fatale Mischung aus Wunschdenken, Vermeidungsstrategien und Verschwörungstheorien die sozialen Verhältnisse zementiere. Als Beobachter aus dem Ausland frage ich mich, wie lange ein Staat noch die Augen davor verschließen will, dass sein schlechtes Bildungssystem in Kombination mit evangelikalen Einstellungen in Vance‘s Heimatregion eine fatale Mischung aus Gelegenheitsarbeit, Drogenmissbrauch und Vernachlässigung der Kinder zementiert.

Vance erzählt seine eigene Biografie, von der er annimmt, sie hätte niemanden interessiert, wenn er es nicht aus widrigen Verhältnissen heraus an eine amerikanische Elite-Universität geschafft hätte. Ohne seine Ausbildung im Marine Corps und ohne seine Ersatzväter aus der Marine hätte er es sicher nicht wo weit gebracht. Von Vance kann man viel über den Einfluss von Armut auf betroffene Kinder lernen, aber auch über das dringende Bedürfnis einer weißen Unterschicht, dass es anderen nicht besser gehen sollte als ihnen selbst. Warum gerade das weiße Proletariat äußerst kritisch über Sozialhilfe-Schnorrer denkt und in einer Denkzettelwahl die eigene Krankenversicherung abwählte, darauf kann man als Leser hier Antworten finden. „Hillbilly-Elegie“ liest sich als rührende Aufsteiger-Biografie, die verdeutlicht, wie fatal sich die Vernachlässigung von Kindern zu einer nicht endenden Armutsspirale auswächst. Vance argumentiert subjektiv und aus der sicheren Position einer resilienten Persönlichkeit heraus. Wirtschaftliche Zusammenhänge sind nicht sein Thema. Das Thema Denkzettelwahl durch Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen, ist im Europa nach dem Brexit unverändert aktuell. Darum finde ich das Buch immer noch lesenswert.
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Hillbilly-Elegie
Hillbilly-Elegie
J. D. Vance
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