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Getriebene der Absurditäten des Alltags

T.C. Boyles Bücher begleiten mich schon seit meiner Teenagerzeit. Obwohl er mittlerweile schon über 70 ist und damit die Generation meiner Eltern, fühlt es sich für mich beim Lesen immer an, als hätte das ein älterer Bruder geschrieben. Und genauso kommt er mir auch vor, wenn er am Ende dieses Hörbuchs die Titelgeschichte „Are we not men“ auf Englisch liest. (Ich habe hier das ungekürzte deutsche Hörbuch gelesen.)

Nichts desto weniger, er ist mittlerweile – zumindest im ureigensten Wortsinne – ein alter, weißer Mann und je älter ich werde, umso mehr achte ich darauf, welche Implikation das von mir Gelesene hat. Und so hatte ich durchaus auch etwas Bammel, dass ich ihn mittlerweile als „Griff ins Ismen-Klo“ sehen könnte. Aber umso schöner war es zu sehen, dass er auch meinem kritischen Blick von Heute immer noch Stand hält. Nein, im Geiste ist Boyle kein Vertreter der alten weißen Männer.

Das fängt schon bei der ersten Kurzgeschichte „The Way You Look Tonight“ an. Zunächst dachte ich mir, das hat der Kerl denn für ein Problem, aber genau das soll ankommen, denn die Geschichte kreist um eine falsche Vorstellung von Besitzanspruch, was der Protagonist schließlich selbst erkennt. Boyle weiß, dass sich seine Figur albern verhält und er führt uns durch diese Absurdität. Er liebt die Absurdität, aber hinter dem Spiel mit diesem liegen dann immer die ernsten Themen: Rassismus, Misogynie, Gewalt – oder einfach nur das Erwachsenwerden.

Boyle versteht seine Figuren und gleichzeitig bringt ihr uns ihre Motivationen und Gefühle nahe. Letztendlich passt es daher, dass bis auf eine Geschichte („Bombig“) alle Geschichte aus Männersicht geschrieben sind. Es geht um Ego-Gefühle, wenn ein Schriftsteller „Marlbane Manchester“-Preis bekommt. Boyle ist sich der Privilegien bewusst, auch, wenn er sie seinen Figuren manchmal wegnimmt, und sie demaskiert.

„Sie müssen mich verstehen. Ich stand unter Druck. Ich hatte noch Alisons Geruch an mir. Ich roch meine Angst. Ich wollte meine Frau nicht verlieren. Ich liebte sie. Ich war an sie gewöhnt. Seit mehr als zwölf Jahren war ich mit keiner anderen Frau zusammen gewesen. Sie war eine bekannte Größe, sie war mir vertraut.“ (Transkript nach dem Hörbuch)

Die Themen sind aktuell und besonders elektrisierend fand ich immer, wenn Boyle ScienceFiction-Elemente einbaut, die sich nicht so groß von unserer Welt unterscheiden. Denn so weit sind die nicht mehr entfernt: Klimakatastrophe und Genmanipulation, Insekteninvasion und virtuelle Realitäten. Zur Gen-Manipulation eine kleine Randnotiz: Während ich diese Rezension schreibe wird bekannt, dass Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna für die Entwicklung der CRISPR-Methode (Gen-Schere) mit dem Nobelpreis in Chemie 2020 ausgezeichnet werden, die Boyle für seine Kurzgeschichte als Grundlage genommen hat.

Besonders begeistert hat mich „Was Wasser wert ist“, weil es pointiert zeigt, wie wir als Teil der Mittel- und Oberschicht – global gesehen sind wir das in Deutschland wohl alle – nicht vor ihren Auswirkungen fliehen können. Die Geschichten sind oft bitterböse, ist man doch ganz nah am Protagonisten dran.

Herzzerreißend fand ich, wie ein älterer Herr und früherer Mathematik-Professor sich mit einer Betrugsmasche ausquetschen lässt, immer weiter, eigentlich gegen besseres Wissen. Herzzerreißend, aber Boyle wäre nicht Boyle, wenn ich nicht auch immer spüren würde: Manchen geht es schlechter. Und so bleibt die Absurdität, wie er das nicht merken kann. Weil er Ansprache bekommt, weil er seine Frau vermisst, weil er ein Mensch ist.

Fazit:
Boyle konnte mich mit seinem Witz und seinem Faible für Absurdität und Liebe zu seinen Protagonist:innen komplett überzeugen. Tolle Kurzgeschichtensammlung, besonders, wenn er die Realität aufbricht. 5 von 5 Sternen.
Sind wir nicht Menschen
Sind wir nicht Menschen
T. C. Boyle
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