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gachmuret

Posted on 19.11.2021

Delaney Wells beendet ihre Arbeit im Nationalpark, als dort die Registrierung per Smartphone zur Bedingung für das Betreten gemacht wird. Verantwortlich macht sie dafür den Konzern »Every«, der aus dem »Circle« hervorgegangen ist und sukzessive alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unter seine Kontrolle bringt. Voller Zorn beschließt sie daraufhin, sich ins Zentrum des Konzerns zu begeben, um dort nach einer Chance zu suchen, ihn von innen heraus zu zerstören. Leider wird der Roman nicht eleganter als diese simple Ausgangsidee. Dave Eggers Protagonistin ist von ihm unfassbar schlicht gestaltet, obwohl sie gleichzeitig sehr intelligent und analytisch hochbegabt sein soll. Dass aber ihre erste (und einzige) Idee, den Konzern zu zerstören, nicht so recht funktionieren will, lässt sie überhaupt nicht umdenken. Überhaupt wirkt sie - ihrer doch so starken intrinsischen Motivation zum Trotz - die ganze Zeit trudelnd, treibend - von tatsächlichem Agieren ist sie weit entfernt. Noch blasser sind die übrigen Figuren gezeichnet, eher Abziehbilder als Menschen. Von einem schlüssigen Plot gar nicht erst zu reden. Es ist sehr deutlich, dass Dave Eggers eine Botschaft hat. Er sieht Huxleys Brave New World unmittelbar vor ihrer Materialisierung und uns blind vor dieser Gefahr, weil sie so schön vernünftig und gut daherkommt. Alle zusätzlichen Schritte zur Überwachung und Kontrolle werden mit »Sicherheit«, »Nachhaltigkeit«, »Gesundheit« und ähnlichen wohlmeinenden Zielen begründet, so dass sie statt auf Widerstand auf freudige Zustimmung stoßen. Ich finde es sehr schade, dass er beim Ausmalen dieser Zukunft jegliche literarische Finesse vergisst, ach was, literarische Grundtugenden. Er kommt in Figur und Handlung nicht über »Körperfresser«-Niveau heraus. Und das ist sehr schade, denn die Gefahr, vor der er warnen will, ist ja real. Es kann uns durchaus passieren, dass wir im Bestreben um mehr Sicherheit und Berechenbarkeit des Alltags Freiheiten aufgeben, die doch essentiell sind. Dieses schleichende Aufgeben der Selbstbestimmtheit ist eine echte Bedrohung und wir tappen da möglicherweise tatsächlich in eine evolutionär unterstützte anthopologische Falle (platt gesagt: Wir mögen keine Unsicherheiten und handeln gerne so, dass wir soziale Anerkennung erfahren.) Aber mit solch schlecht gemachter Literatur leistet Eggers eher einen Bärendienst als dass er ernsthaft zum Nachdenken anregen kann. Wer hierzu einen Roman lesen möchte, greife eher zu Sibylle Bergs »GRM«

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