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gwyn

Posted on 30.10.2021

Der Anfang: «Ich erzähle dir etwas über Bäume. Sie sprechen miteinander. … Sie sprechen über unterirdische Gänge miteinander, die Pilze von ihren Wurzeln aus gebahnt haben, sie senden Zelle für Zelle ihre Nachrichten, und das mit einer Geduld, die wohl nur ein Lebewesen aufbringt, das sich nicht vom Fleck rühren kann.» Drei Lebensläufe, Biographietexte, die drei Leben berührend zusammenraffen. Farouks Leben ist zerstört, weil er verloren hat, was ihm am meisten bedeutet. Ein Arzt, dem es gut ging – bis religiösfanatische Militärs sein Land besetzten. Lampys junges Leben gerät aus den Fugen, als ihn seine große Liebe Chloé verlässt. Etwas, das er nie verkraften wird. John hat es geschafft; er ist ein reicher Mann, ein Steuerberater und Finanzberater. Doch er hat sein Leben lang andere manipuliert und betrogen und hofft nun verzweifelt auf Gottes Vergebung. Drei fein skizzierte Lebensläufe von Männern, die nicht unterschiedlicher sein könnten, die unterschiedlich alt sind. Man mag denken, was haben sie miteinander zu tun? Aber ganz am Ende werden die drei in dem kleinen irischen Ort Ardnamoher aufeinandertreffen, menschliche Schicksale, die wie die Wurzeln der Bäume miteinander verwoben sind. «Der Krieg war allmählich gekommen, war um sie herum gewachsen und nicht plötzlich vor ihrer Tür ausgebrochen. Die Polizei war zur Miliz geworden. Die Stadt hatte sich mit bewaffneten Fremden gefüllt.» Letztendlich sind dies drei Kurzgeschichten, die durch einen Trick am Ende verbunden werden. Der syrische Arzt Farouk ist 44 Jahre alt und auch seine Frau ist Naturwissenschaftlerin. Sie führen ein gutes Leben, Religion spielt keine große Rolle, da beide zudem aus verschiedenen Religionsgruppen stammen. Doch plötzlich verändert sich die Situation. Eine unbenannte Gruppe religiöser Milizen, wohl die IS, rücken ein und bedrohen die Menschen, die ersten werden ermordet. Ein Freund gibt den Tipp, seine Familie stehe auf der schwarzen Liste. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf das Geschäft mit einem Schleuser einzulassen, der verspricht, sie per sicherem Schiff bequem nach Europa zu bringen. Das hat natürlich seinen Preis ... auf mehreren Ebenen. «Ich hatte schon immer ein teuflisches Händchen dafür, Hass zu sähen.» Lampy kennt seinen Vater nicht, was ihn zum Gespött anderer Kinder macht. Er wächst mit Mutter und Großvater auf, die von ihm erwarten, dass er etwas aus seinem Leben macht. Er ist ein Getriebener, der nach der eigenen Identität sucht, der von seiner Familie keine Unterstützung erwarten kann. Als seine erste Freundin und große Liebe ihn verlässt, haut ihn das so aus der Bahn, dass er neben sich steht, nicht wieder aufs Gleis zurückfindet. Die Familie setzt ihn unter Druck, um ihn herum bricht seine Welt zusammen, und er hat «wirklich Scheiße am Schuh» – das Studium abgebrochen, arbeitet er nun als Aushilfskraft für ein Pflegeheim als Busfahrer. – Steuerberater, Finanzberater und Lobbyist John ist ein alter Mann, der uns von seinem Leben erzählt. Ein gieriger Aufsteiger, ein Egomane, dessen einziges Ziel im Leben war, sich noch mehr zu bereichern – und mehr ist nie genug. Menschen standen ihm dabei eher im Weg. Doch als ihn der «Atem der Engel im Nacken» packt, sucht er Trost im Gottesglauben und er bittet um Vergebung. «... und er sah James Grogans feiste Kiefer auf und zu klappen und die kleinen weißen Spuckhalbmonde in seinen Mundwinkeln, widerliche Klammern für das, was er sagte und Lampy fragte sich, wie seine Frau dieses ekelerregende fette Schwein nur ranlassen konnte, die war nämlich eigentlich ein ziemlich heißer Feger ...» Biografietexte in einem aufzählenden Schreibstil, lange Sätze, genaue Beschreibungen und Inneneinsichten. Ein Episodenroman, der komprimiert Situationen aus dem Leben seiner Protagonisten auf den Punkt bringt, sich tief in ihr Innenleben hineinbegibt. Die Familiengeschichten und Traumata der Protagonisten, lassen den Leser verstehen, warum jemand zu dem wurde, was er ist. Auch die Nebenfiguren sind scharf gezeichnet. Das letzte Kapitel bringt die drei Figuren zusammen – ein überraschendes Ende; Verlust, Orientierungslosigkeit und Intrigentum verbindet eine verlorene Liebe, jeder auf seine Weise. Sätze, die im aufzählenden Stil sogar Nebengeschichten erzählen, ohne, dass den Leser die Länge stört, bezeichnen hohe Sprachkunst. Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, Tipperary, studierte Bauingenieurwesen und Jura; er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick. Für ›Die Stille des Meeres‹ war auf der Longlist des Man Booker Prize. Auszeichnungen: From a Low and Quiet Sea auf der Longlist des ›Man Booker Prize‹, 2018; ›European Union Prize for Literature‹ für die zwölf vielversprechendsten jungen Schriftsteller Europas (als Vertreter von Irland), 2015; ›Bord Gáis Energy Irish Book Awards‹ in der Kategorie ›Short Story of the Year‹ für A Slanting of the Sun, 2015; ›Guardian First Book Award‹ für The Spinning Heart, 2013; ›Irish Book Awards‹ Best Irish Newcomer und Book of the Year für The Spinning Heart, 2012

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