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Buchdoktor

Posted on 10.2.2021

Der Icherzähler Veit Kolbe ist bisher sein ganzes Leben als Erwachsener Soldat gewesen. Nach einer Verwundung im Russslandfeldzug wird er 1944 in ein Bergdorf unterhalb der Drachenwand zur Genesung geschickt, in dem sein Onkel Johann Gendarmerieposten-Kommandant ist. Veit soll und will dem Onkel nicht auf der Tasche liegen, nimmt dessen Ratschläge jedoch gern an, wie er nun sein Leben als Untermieter organisieren kann. Zunächst ist der junge Mann froh, dass er die tagelange Reise im Lazarettzug überlebt hat. Ein kurzer Besuch bei seinen Eltern in Wien zeigte ihm, dass der Krieg die Ehe seiner Eltern verändert hat und das Verhältnis zu seinem Vater schwierig bleiben wird. Erst allmählich kann Veit die drängendsten Erinnerungen einordnen, die Flüchtlingsströme und die Vernichtung Behinderter, ohne die es das Lazarett nicht gegeben hätte, in dem er behandelt wurde. Außer Veit wohnt bei seiner Vermieterin Margot, eine „Reichsdeutsche“ aus Darmstadt mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Die beiden Untermieter und „der Brasilianer“, der fernwehgeplagte Besitzer der örtlichen Gärtnerei, bilden die Außenseiter im Dorf, deren Lebenswandel genauestens beobachtet wird. In einem Ferienlager sind Schulkinder aus Wien mit ihren Lehrerinnen evakuiert. Weitere Handlungsstränge entstehen aus Briefen, die zwischen einem Mädchen aus dem Ferienlager und ihrem Liebsten gewechselt werden, zwischen Margot und ihrer Mutter, zwischen Margots Eltern und zwischen Oskar Meyer, einem Wiener Juden, und seiner Cousine in Südafrika. Die Briefe waren damals einzige Kontaktmöglichkeit, sie wurden sehnlichst erwartet, von der Zensur verstümmelt, sind aber auch Zeitdokumente einer für den Einzelnen zermürbenden Mangelwirtschaft. Die Briefe zwischen Margots Eltern deuten einen gewaltigen Wandel im Männer- und Frauenbild jener Zeit an; denn noch macht sich niemand klar, dass die Kriegsheimkehrer in ausgebombte Städte zurückkehren und Tausende von ihnen körperlich und seelisch versehrt sein werden. Die Handlungsfäden, die sich aus den Briefen ergeben, werden am Ende miteinander verknüpft. Für ein Jahrzehnt, in dem viele Menschen lange warten mussten, bis das Schicksal ihrer Angehörigen geklärt werden konnte, eine überzeugende Symbolik. Es sind banale Alltagsproblem, die Margot und Veit gemeinsam zu stemmen versuchen. Die Tomaten in der Gärtnerei sollen z. B. angebunden werden, aber weit und breit sind keine Fäden aufzutreiben. Diese kleinen Nebenhandlungen verdeutlichen besonders eindringlich die Absurdität eines jeden Krieges und entlarven den moralischen Niedergang, wenn offen oder durch Denunziation ein anderer an die Front und damit in den sicheren Tod gewünscht wird. Anfangs habe ich mich skeptisch gefragt, ob ein weiteres Buch über den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus geschrieben werden muss. Das liegt u. a. daran, dass nach 1960 geborene Autoren Figuren aus der Generation ihrer Großeltern bisher (für meinen Geschmack) selten überzeugend charakterisiert haben. Arno Geiger zeichnet hier für mich überraschend feinfühlig einen kriegsversehrten 24-Jährigen, der jederzeit damit rechnen muss, wieder für kriegstauglich erklärt und an die Front in Russland zurückgeschickt zu werden. Mit wenigen Sätzen schafft Geiger ein Dorf als Mikrokosmos, in dem unter dem Segel einer fanatischen Ideologie die Masken fallen.

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