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Buchdoktor

Posted on 1.12.2020

Elisabeth Barthori ist Expertin für historische Postkarten und wird häufig zur Begutachtung von Nachlässen herangezogen. Ihr Rat ist meist dann gefragt, wenn gierige Erben den materiellen Wert schätzen lassen wollen, meint sie selbst reichlich bissig dazu. An einem Tiefpunkt in ihrem Leben wird Elisabeth eine umfangreiche Sammlung von Postkarten und Fotos aus dem Ersten Weltkrieg vorgelegt, die den Alltag im Schützengraben dokumentieren. Die hochbetagte Stifterin, Alix de Chalendar, will ausdrücklich keinen Gewinn mit dem Nachlass ihres Bruders erzielen, sondern ihn in fachkundige Hände geben und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Voraussetzung dafür ist, dass Elisabeth sich als Testamentsvollstreckerin zur Verfügung stellt. Als die Stifterin der Postkartensammlung von unschätzbarem Wert kurz darauf ohne direkte Erben stirbt, erbt Elisabeth für sie überraschend deren idyllisch gelegenes Haus. Elisabeth hat ihren Beruf in letzter Zeit vernachlässigt, seit ihr Lebensgefährte nach schwerer Krankheit verstorben ist und seine Frau der Nebenbuhlerin ein heftiges Scharmützel um seinen Besitz lieferte. Die zutiefst negative Weltsicht der Historikerin lässt vermuten, dass sie an Depressionen erkrankt ist, die ärztliche Behandlung erfordern. Alix de Chalendars großzügiges Erbe bringt Elisabeth nun einen beruflichen Aufschwung, weil sie in ganz Europa als Referentin begehrt wird, als sich unter Experten die Nachricht von der Postkartensammlung verbreitet. Elisabeths fachliche Arbeit geht der Frage nach, warum Alban Willecot eine so intensive Korrespondenz mit dem Dichter Anatole Massis führte, wo die Antwort-Briefe geblieben sind und wer Diane ist, deren verschlüsseltes Tagebuch eine Verbindung zu den beiden Freunden herstellt. Für Elisabeth höchst interessant, Alban hat sich intensiv mit Fotografie befasst und u. a. die offiziellen Frontpostkarten erstellt. In Jaligny-sur-Besbre entdeckt Elisabeth nach und nach ihr geerbtes schlüsselfertiges Haus mit Garten und Katze und lernt die Dorfbewohner kennen. Das Haus war nacheinander von mehreren verwitweten Frauen bewohnt; es ist vollgestopft mit Büchern, Dokumenten und Erinnerungsstücken. So wundert es nicht, dass praktisch jedes Dokument, das Elisabeth herauszieht, eine neue Frage aufwirft oder einen Faden zu neuen Persönlichkeiten knüpft. Diese Fäden führen Elisabeth u. a. nach Lissabon zu einer Familie, die wiederum die Postkarten-Expertin um eine Recherche nach Familienangehörigen bittet. Fazit Hélène Gestern erzählt in diversen ambitioniert miteinander verknüpften Handlungssträngen. Elisabeth berichtet in der Ichform im Präterium, Albans Briefe und Dianes Tagebuch (das Elisabeth einiges Kopfzerbrechen bei der Entschlüsselung bereitete) werden zitiert und ein allwissender Erzähler ist Elisabeths Wissen stets einige Schritte voraus. Der Roman bietet exzessiven, historisch interessierten Lesern Einblick in die Stimmung an der Front. Er schöpft aus dörflichen Kontakten zu Akteuren, deren Großeltern sich bereits gut kannten und gibt schließlich Einblick in frühe Versuche, mit einer kompakten Balgenkamera und Rollfilm zu fotografieren. Allein die Frage, wie Alban an sein Material kam und wie er seine Bilder in die Heimat schickte, war für mich schon absolut lohnenswert zu lesen. An zweiter Stelle sind die komplexen Familienbeziehungen als Reiz des Buches zu nennen (Wie kann es einen Neffen geben, wenn die Beteiligten keine Geschwister hatten?) und die Einblicke in Elisabeths Archivrecherchen. Die Rahmenhandlung samt Liebesgeschichte, die Elisabeth anfangs als alternde, missgünstige Person auftreten lässt und die sich an das abwesende „Du“ des Geliebten richtet, war mir dagegen entschieden zu breit ausgewalzt. Für einen Rückblick fehlt mir hier eine selbstkritische Zusammenfassung der Phasen des Zweifelns und der rücksichtslosen Trauer. Ein atmosphärisch gelungener Roman, dem eine Kürzung und ein Personenverzeichnis gutgetan hätten.

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